Das macht Sinn

Haben Sie schon mal von den Anglizismusjägern eins auf den Deckel bekommen, weil Sie der Meinung waren, etwas mache Sinn? Wenn Ihnen das (wieder) passiert, dürfen Sie gern mit einem der bekanntesten deutschen Sprachwissenschaftler im Rücken kontern: Nach derzeitigem Wissensstand handelt es sich bei Sinn machen um keinen Anglizismus, zumindest kann dies nicht belegt werden. Ich wette mal, ähnlich wie im Fall von etwas erinnern wird noch ein Beleg dafür gefunden, dass es diesen Begriff schon seit langer Zeit im Deutschen gibt.

Der verlinkte Artikel protokolliert einen Vortrag von Peter Eisenberg und ist sehr lesenswert, weil er einige “Gewissheiten” über Sprache und ihre korrekte Verwendung fundiert infrage stellt. Mir geht’s da auch an den Kragen, ich stehe nämlich auf Kriegsfuß mit Wendungen des Typs wie wenn oder wie er das sah, überkam ihn Freude (also im Sinne von ‘in dem Augenblick, als er es sah …’). Auch bei zu was, um was etc. gehe ich auf die Barrikaden.

Ich glaube, beide Wahrheiten sind gültig: Sprache und die Auffassung darüber, was gut klingt, verändern sich. Andererseits muss man nicht über alles frohlocken, was sich da verändert.

Überdies ist es oft auch eine sehr persönliche Sache: Für meine Großmutter, die mich in ihrer Liebe zur Sprache geprägt hat, waren solche Wendungen Fehler ohne Wenn und Aber. Und dann passierte es mir selbst: Eines Tages durfte ich darüber staunen, dass es nicht ich habe das hier zu liegen, sondern ich habe das hier liegen heißt. Mit zu liegen haben bin ich aufgewachsen. Der grüne Duden gab Auskunft, dass zu in diesem Fall standardsprachlich nicht korrekt sei, es aber im Berlinerischen gebräulich wäre. Alles klar, dort liegen meine Wurzeln.

Ich werde es nicht verhindern können, dass wie wenn sich immer mehr durchsetzt. Doch mein Einspruch bei anders wie ihr Mann bleibt bestehen, weil das nicht nur meinen Augen und Ohren wehtut, sondern zudem inhaltlich überhaupt keinen Sinn macht.

Weiter- und nachlesen

Im Text zitiertes Protokoll einer Vorlesung von Peter Eisenberg mit dem Titel “Korrektes Deutsch!” vom 12. Dezember 2007 auf mediensprache.net

Duden Band 9, Richtiges und gutes Deutsch, 6. Auflage. Dudenverlag 2007, S. 1039, oder Stichwort “zu”

[Edit vom 17.02.2010] Artikel “Sinn haben, machen und behalten” auf dem Textguerilla-Blog

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4 Antworten auf “Das macht Sinn”

  1. Marco M.
    am 11. Februar 2010 um 22:14h

    Daß “macht Sinn” auch inhaltlich schief daherkommt, läßt sich an einem schönen Beispiel verdeutlichen. In der Reportage eines Nachrichtensenders meinte der Sprecher: “Die Kühltürme werden jetzt gesprengt, weil sie keinen Sinn mehr machen.”

    Doch ist die Aufgabe von Kühltürmen nicht eher das Kühlen als das Sinnmachen?

  2. sato
    am 11. Februar 2010 um 22:28h

    Dieser Satz klingt tatsächlich etwas merkwürdig in den Ohren. Ich glaube, aber, dass es nicht am “Sinn machen” liegt, sondern an der etwas saloppen Konstruktion.

    Schauen wir doch mal, wie der Satz mit den handelsüblichen Alternativen zu “machen” wirkt:

    “Die Kühltürme werden jetzt gesprengt, weil sie keinen Sinn mehr ergeben.”

    “Die Kühltürme werden jetzt gesprengt, weil sie keinen Sinn mehr haben.”

    Ich glaube, wenn man hier streng auslegen will, kommt man auch mit “ergeben” oder “haben” auf keinen grünen Zweig, was denken Sie?

    Am ehesten ginge wohl noch “haben”, aber haben Kühltürme einen Sinn?

    Vorläufiges Fazit und Vorschlag: Entweder sehe ich das alles nicht so eng und lasse alle drei Begriffe zu. Oder ich formuliere um, etwa:

    “Die Kühltürme werden jetzt gesprengt, weil es keinen Sinn mehr macht/ergibt/hat, ihren Betrieb aufrechtzuerhalten.”

  3. Marco M.
    am 12. Februar 2010 um 22:54h

    Man könnte es auch anders angehen, indem man für “haben” und “machen” passende Synonyme heraussucht:

    Die Kühltürme werden jetzt gesprengt, weil sie keinen Sinn mehr

    - haben, besitzen, innehaben, aufweisen
    - machen, herstellen, bereiten, erzeugen

    Ich möchte es einmal so beschreiben: “haben” ist ein Zustand, “machen” eine Tätigkeit.

    Auf Ihre Frage: Kühltürmen haben einen Sinn, aber sie machen nicht Sinn, sondern Kühle. “Kühle machen” klingt freilich sehr holprig; man sagt schlicht: Kühltürme kühlen.

    Der Sinn ist ein Zustand wie Hunger oder Durst. Beides ist da und wird nicht gemacht.

    Zwei abschließende Anmerkungen zur häufig zu hörenden Kritik an der Kritik:

    - Manche Menschen entgegnen, man sage auch “mach keinen Unsinn”. Einerseits existiert das jedoch nur auf diese Weise. Noch nie hörte ich “mach (k)einen Sinn”. Andererseits ist hier der Unsinn nicht als Gegenstück zu Sinn gemeint, sondern zu Dummheit, Quatsch, Unfug usw., wie ein Synonymwörterbuch, beispielsweise unter http://wortschatz.uni-leipzig.de, verrät.

    - Wiederum andere Menschen sind der Ansicht, eine Sprache wandele sich nun einmal im Laufe der Zeit. Das ist selbstverständlich richtig, und jeder wird dem spätestens zustimmen, wenn er einmal versucht hat, Goethes Werther in der Originalfassung zu lesen. Aber der Punkt ist: Wohin wandelt sich eine Sprache? Sie kann sich auch zum Schlechten wandeln, indem Wörter benutzt werden, die etwas nicht mehr inhaltlich genau beschreiben. Ein Beispiel hierfür ist das Wort “Ticket”. Sagte mir jemand, er habe gestern ein Ticket bekommen, wüßte ich nicht, ob es sich dabei um eine Eintrittskarte, einen Strafzettel, einen Fahrschein usw. handelt. Das heißt, wir haben deutsche und genau erklärende Wörter durch ein englisches und allgemein beschreibendes Wort ersetzt.

    Die Sprache ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel. Sie sollte möglichst genau ausdrücken, was gemeint ist, damit keine Mißverständnisse entstehen. Das sollte wenigstens für Öffentlichkeit, Politik, Medien usw. gelten. Umgangssprachlich kann man selbstverständlich reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist, obwohl man auch salopp “Eh, Alter, hat doch echt keinen Sinn, den Bruch zu machen!” sagen könnte und trotzdem halbwegs richtig spräche. ;o)

  4. sato
    am 15. Februar 2010 um 15:58h

    Sprachwandel und Ausdrucksfähigkeit

    Ich würde gerne zuerst auf den letztgenannten Punkt eingehen: Über den Sprachwandel sind wir wohl ähnlicher Meinung. Er findet statt, und jeder von uns wird dadurch mit Veränderungen konfrontiert; sie schmecken uns mal besser, mal schlechter.

    Ich verstehe, was Sie am Ticket befremdet: das Schwinden der Genauigkeit bzw. Treffsicherheit im Ausdruck und der unnötige Gebrauch von unpräzisen Wörtern, wo die Sprache präzisere böte. Das ist ein berechtigter Kritikpunkt. Ich möchte weder das Wort Ticket noch die präzisen Begriffe aus unserem Sprachschatz verschwinden sehen. Manchmal passt das eine besser, manchmal verwende ich lieber das andere. Wenn der eigene Sprachschatz groß genug ist und man mit ihm auch umgehen kann, ist es legitim, sich die passende Variante herauszusuchen.

    Letztes Jahr habe ich mich mit einem Englisch- und Lateinlehrer unterhalten; er erzählte mir, dass seine Schüler zunehmend die Fähigkeit verlören, sich differenziert auszudrücken. Ich weiß nicht, inwieweit das verallgemeinerbar ist, aber zumindest steht dieser Lehrer mit seiner Beobachtung nicht allein da. Darum sind solche Diskussionen wertvoll.

    Sinn machen: Teil des Sprachwandels?

    Wenn Sie im Zusammenhang mit Sinn machen auf den Sprachwandel zurückkommen, möchte ich anmerken: Sie gehen vermutlich davon aus, dass Sinn machen Teil des Sprachwandels hin zum “Denglischen” ist. Ich würde gerne abwarten, ob sich diese These im Laufe der Zeit bestätigt, denn ich halte Sinn machen nicht für eine neumodische, aus dem Englischen übernommene Wendung, sondern für eine schon lange im Deutschen existierende. Beweisen kann ich das (noch) nicht.

    Peter Eisenbergs Artikel habe ich unter anderem deshalb herangezogen, weil er zur Vorsicht mahnt, vorschnell von einem denglischen Begriff auszugehen, wo es noch gar nicht erwiesen ist.

    Sinn machen und Abstrakta

    Ihre Entgegensetzung der Synonyme zu haben und machen finde ich sehr bereichernd; ebenso überzeugt mich Ihre Ausführung zu Unsinn machen, Sie haben den Unterschied zwischen Sinn machen und Unsinn machen sehr treffend herausgearbeitet.

    Für mich ist allerdings das von Peter Eisenberg herangezogene Freude machen dem diskutierten Sinn machen weitaus näher. Er erläutert dazu, dass machen durchaus mit Abstrakta verwendet werden kann.

    Ich frage mich hier sogar, ob man von einer hundertprozentig wörtlichen Bedeutung ausgehen muss. Natürlich “macht”, also produziert etwas nicht Sinn, aber wir verstehen, dass Sinn machen eine Variante zu Sinn ergeben ist. Und zwar eine sehr griffige und, wie ich finde, schöne. Ich glaube auch, dass wir dies verstehen, weil es schon sehr lange Bestandteil unserer Sprache ist, solche Verbindungen zu knüpfen.

    Und: Wenn ich von “Variante” spreche, ist mir bewusst, dass oft eine Variante die andere nicht hundertprozentig abbilden kann, einen winzigen Bedeutungsunterschied – und sei er nur gefühlt – gibt es meist. In dem “Kühlturm”-Satz würde ich Sinn machen wohl eher nicht verwenden, in anderen (ein Beispiel finden Sie im letzten Satz meines Artikels) passt es m. E. perfekt. Deshalb möchte ich auch in Bezug auf Sinn machen festhalten: Gerade weil ich mich darauf berufe, dass die Sprache ihre Vielfalt an Ausdrucksmitteln nicht verlieren darf, möchte ich nicht, dass Sinn machen aus dem Wortschatz gedrängt wird. Ihre Mahnung, Sprache so präzise wie möglich zu verwenden, hebe ich abschließend noch einmal hervor.

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